Archiv für die Kategorie 'Literatur'

Jan

Design for Dying

Design for Dying ist das Vermächtnis des amerikanischen Schriftstellers, Psychologen und Drogenbefürworters Timothy Leary. Im Januar 1995 diagnostizierten Ärzte bei ihm Prostatakrebs. Ende Mai 1996 verstarb Leary. In diesem Zeitraum entstand ein unfertiges Manuskript zu einem Buch, das gesichtet, ergänzt und schließlich veröffentlicht wurde von R.U. Sirius. Hinter dem Pseudonym vermuten viele Robert Anton Wilson, einen der engsten Freunde Learys.

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich damit, was “Leben” bedeutet und was seine Funktion im biologisch-evolutionären Sinne sein könnte. Teil zwei beschreibt, wie Leary damit umging, als ihm die Ärzte seinen baldigten Tod ankündigten: indem er Freunde und Journalisten zu sich nach Hause einlud, um während der letzten Monate seine Lebens eine große Party zu feiern, auf der er zahllose Interviews gab. Weiterlesen »

Das Problem besteht darin, dass wir nie sicher wissen können, was wirklich passiert ist, und unsystematisches Nachdenken darüber bringt uns in einen geistigen Zustand, in dem wir letztlich alles für wahrscheinlich halten können. Es existiert eine unüberschaubare Anzahl von Verschwörungstheorien und das Nachschlagewerk von Robert Anton Wilson kann deshalb nur die bekanntesten von ihnen enthalten. Während er sich hauptsächlich auf Ereignisse in den USA bezieht, wurde die mir vorliegende deutsche Ausgabe um Einträge zur Dolchstoßlegende, dem Hitlerputsch oder dem Tod von Uwe Barschel erweitert. Die Übersetzung ist zwar nicht immer überzeugend, spannend sind die Einträge dagegen durchgehend.

Was ich aus der Lektüre des Lexikons mitgenommen habe ist die Erkenntnis, dass es immer schon Geheimbünde und Verschwörungen gab, wir aber nie sagen können, wie lange sie tatsächlich existierten und welche Macht sie wirklich hatten. Ein gut dokumentiertes Beispiel dafür ist die P2-Bankenverschwörung im Italien der 1970er Jahre. Selbst um diesen damals von der Justiz in einem langen Verfahren aufgearbeiteten Skandal ranken sich bis heute viele Behauptungen und wilde Geschichten. Wir – und dies ist die zweite Erkenntnis – entwickeln aus einer solchen Unsicherheit heraus den Drang, diese Rätsel selbst lösen zu wollen, selbst wenn unsere Datengrundlage unzureichend ist. Auf dieser unzureichenden Datengrundlage können deshalb Verschwörungstheorien entstehen.

Interaktivität in ErlebnisweltenMit Vergnügen habe ich in den letzten Wochen noch einmal Bastis vor zwei Jahren veröffentlichte Masterarbeit “Interaktivität in Erlebniswelten” gelesen. Mit einem außergewöhnlichen persönlichen Aufwand beschreibt er darin Erlebniswelten als Schöpfung künstlicher oder alternativer Realitäten, welche das intensive Erleben ihrer Besucher zum Ziel haben. Als Vorlage für seine Ausführungen dient ihm dabei vor allem das Konzept des Freizeitparks von Walt Disney Imagineering. Anhand dieses liefert er einen Überblick zu den Modelltypen von Erlebniswelten, vom rumpeligen Rundfahrgeschäft zur aufwändigen Safari in einer simulierten Savanne.  Es gelingt ihm ausgesprochen gut, geschichtliche und theoretische Aspekte dieser Attraktionen zu einer anregenden Lektüre zu verbinden. Als zentrales Konzept arbeitet er dabei den Zusammenhang von Kontrolle und Kontrollverlust in Erlebniswelten heraus.

Kontrollverlust impliziert die Frage nach der Selbst- und Fremdbestimmung in einer Erlebniswelt. Besucher eines Freizeitparks geben freiwillig die Kontrolle über ihre Handlungen an die Gestalter des Parks auf: Im Besucherstrom wird man mittels Zäunen, Warteschlangen und Fast-Pass-Tickets gezielt durch die Anlagen geleitet, nach dem Einrasten des Bügels in der Geisterbahn ist man der Attraktion ausgeliefert. Mit diesem Spannungsfeld der ethisch fragwürdigen Beeinflussung von Menschenmassen setzt sich die Arbeit ebenso auseinander wie mit Möglichkeiten, Erlebniswelten über Fahr- und Schaugeschäfte hinaus interaktiver als bislang zu gestalten. Weiterlesen »

Managerprofil 01Endlich habe ich die Zeit gefunden, die kürzlich erschienene erste Ausgabe von “Managerprofil” zu lesen. Die Publikationsreihe behandelt Themen rund um Community Manager bzw. Community Management und soll mehrmals im Jahr erscheinen. Alle Inhalte erstellt Dirk Songür vom BVCM derzeit noch in Eigenregie. Wenn das Format erfolgreich anläuft, soll das Konzept zusammen mit weiteren Autoren ausgeweitet werden. Die derzeitige Ausrichtung von Managerprofil verfolgt vorerst nicht das Ziel einer Nachrichtenplattform, sondern die Funktion eines Impulsgebers. Ganz konkret fokussiert die erste Ausgabe strategische und operative Aufgaben, die Community Manager in unterschiedlichen Arbeitsbereichen wahrnehmen. Weiterlesen »

Jan

Die wehrlose Gesellschaft

Die wehrlose GesellschaftSeit einigen Jahren beobachte ich eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich in kleinen Angriffen auf die Freiheit und unser demokratisches System fortwährend immer weiter ausbreitet: Politikverdrossenheit, Wählerverdrossenheit, Bevormundungsrhetorik, Großer Lauschangriff, Gläserner Bürger, Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Überwachungs- und Misstrauensstaat, zuletzt die Zensurinfrastruktur des Zugangserschwerungsgesetzes.

Ich fühle mich an Alexis de Tocqueville erinnert. Er sieht in der Zentralisation der Regierung die Gefahr des schleichenden Erwachsens einer gewaltigen Vormundschaftsgewalt. In einer Art wohlwollender Unterdrückung kümmert sie sich um die Sicherheit, das Behagen und das Schicksal des einzelnen Bürgers. Sie bedeckt dabei die Gesellschaft mit einem dichten Netz kleiner, verwickelter, enger und einheitlicher Regeln. So verhindert und verbietet sie allmählich den Gebrauch des freien Willens und eine individuellen Selbstbestimmung. Die eigene Vernunft auszubilden und zu benutzen, das ist nicht mehr erwünscht.

Das Titelbild einer neueren Taschenbuchausgabe von “Die wehrlose Gesellschaft” entspricht dem Gedanken dieses Netzes unterdrückender Regeln, welches sich über die Gesellschaft legt. Die Publikation wurde 1964 von dem bekannten sozialkritischen Autoren Vance Packard abgefasst. Ich wollte wissen, von welchen Entwicklungen die Menschen vor 45 Jahren die Ausbildung ihres freien Willens gefährdet sahen. Mich interessierten darüber hinaus die Fragen, was sich seitdem geändert hatte und ob wir heute mehr oder weniger Beschränkungen unserer individuellen Freiheit hinnehmen. Weiterlesen »

Jan

Der arbeitende Kunde

Der arbeitende KundeG. Günter Voß und Kerstin Rieder zeigen in “Der arbeitende Kunde”, dass Auslagerungen von Tätigkeiten an Kunden derzeit in vielen betrieblichen Bereichen, aber  auch in den staatlichen Sektoren Bildung, Soziales und Gesundheit stattfinden. Technische Entwicklungen wie Automaten und Schnittstellen im Internet spielen dabei eine Rolle, persönliche Kundenkontakte zu verringern und mehr und mehr Aufgaben an die Kunden zu übertragen. Gleichzeitig sollen Kunden immer aktiver werden. Von ihnen wird erwartet, sich vor dem Kauf selbst über Produkte zu informieren (z.B. Kataloge und Fachmagazine lesen), ihre Käufe selbst zu verwalten (z.B. Formulare und Benutzerkonten organisieren ) und an der Leistungserbringung (z.B. Möbel zusammenschrauben) mitzuarbeiten. Sie werden in User-Communitys eingebunden und teilweise werden sie bereits von Betrieben als partielle Mitarbeiter instrumentalisiert. Die Mitwirkung der Konsumenten wird allmählich in immer umfangreicheren Bereichen zur Reduzierung von Produktionskosten und als neue Wertschöpfung gebraucht. Weiterlesen »

Facebook, YouTube & MySpaceMan versteht “The Stories of Facebook, YouTube and MySpace” besser, wenn  man das Schlagwort “Web 1.0″ während dem Lesen aus seinen Gedanken verbannt. Bis zum Platzen der New Economy-Blase im Jahr 2001 hatte sich ein anderer Begriff durchgesetzt: Dotcom. Die Entäuschung über das kataklysmische Ende der Dotcom-Ära war so niederschmetternd, dass es von 2001 bis 2005 nicht danach aussah, als würde je wieder jemand große Summen in Geschäftsmodelle im Internet investieren. Doch seit dem Aufkommen des Web 2.0-Hype ab 2005 sprudeln die Geldquellen wieder. MySpace von Tom Anderson und Chris DeWolfe wurde bereits von NewsCorp. für 580 Millionen US-Dollar übernommen. Die Summe von 1,65 Milliarden verwandelte die YouTube-Gründer Chad Hurley und Steve Chen bei der Übernahme durch Google für kurze Zeit in glückstrunkene, kichernde Kinder. Mark Zuckerberg von Facebook hat währenddessen bisher alle Angebote ausgeschlagen. Der Wert seines ursprünglich für eine Handvoll amerikanischer Colleges konzipierten sozialen Netzwerks wird mittlerweile auf über 12 Milliarden geschätzt. Haben wir es mit einer Wiederholung der Blase von 2001 zu tun? Weiterlesen »

Jan

Psychologie der Massen

Psychologie der MassenGustave Le Bons Werk von 1896 ist voller Generalisierungen und vager Stereotypen, trotzdem ist es ein lesenswertes Buch. Die nach meinem Wissensstand erste Auseinandersetzung mit der Psychologie von größeren Menschenansammlungen zeichnet den damaligen Zeitgeist nach mit einer faszinierenden Mischung aus auch für die heutige Zeit relevanten, scharfsinnigen Beobachtungen und von Vorurteilen geprägten Tiraden. Letztere machen richtig Lust darauf, nachzulesen, wie Le Bons durch wiederkehrende Bezüge, Beispiele und Anekdoten aufgestellten Thesen mittlerweile widerlegt wurden.

Zunächst sind es die wilden, niederen Eigenschaften, die Le Bon generalisierend den Massen in beständiger Wiederholung zuschreibt: Triebhaftigkeit (impulsivité), Reizbarkeit (irritabilité), Unfähigkeit zum logischen Denken, Mangel an Urteil und kritischem Geist, Überschwand der Gefühle (exagération des sentiments). Er begründet nicht, außer durch Anekdoten, er postuliert den außerordentlichen geistigen Tiefstand der Massen einfach. Absurd erscheint zudem heute wohl der Glaube Le Bons an eine Ansteckung von Meinungen und Geisteskrankheiten durch Gedankenübertragung in der Masse. Ich kann mir gut vorstellen, dass man im 19. Jahrhundert ansteckende Gedanken als Erklärungen für die Ausbreitung von Massenpaniken in Analogie zur Ausbreitung von Krankheiten plausibel fand. Eher unheimlich dagegen ist die beständige Betonung einer Notwendigkeit der Steuerung der Massen durch starke Führerpersönlichkeiten und der übergeordneten Bedeutung  einer das Verhalten und Denken prägenden Rassenseele, die durch das Ergbgut auf die Körper der Menschen quasi eingeschrieben sei.

Der Verdienst Le Bons indes besteht darin, darauf hinzuweisen, dass wir in der Masse oft intellektuell und gefühlsmäßig gebunden sind, während wir uns kritisch und frei fühlen, wenn wir mitgenommen werden von der Massenbewegung, als anonymes Individuum vom Gesamtwillen mitgerissen in der Masse aufgehen und in Konsequenz als Masse denken und handeln. Für mich besonders relevant ist seine Betrachtung der Berichterstattung in den Medien, auf die er kurz in den späteren Kapiteln des Werks eingeht. Le Bon zeigt schon relativ früh, dass nicht Tatsachen die Gemüter der Bevölkerung erregen, sondern die Stärke eines sichtbaren Reizes: Ein Einsturz des Eifelturms mit 50 Toten wird als Katastrophe empfunden, während eine Influenza-Epidemie in Paris mit 5000 schleichenden, lediglich statistisch erfassten Toten keine Aufregung produziert. Diese Irrationalitäten bestehen auch heute noch.

Jan

The Future of Reputation

The Future of ReputationDas Internet hat gravierende Auswirkungen auf unsere Privatsphäre: Mit unseren peinlichen Ausrutschern können wir heute vor einer weltweiten Öffentlichkeit bloßgestellt werden. Sind wir sicher, dass unsere privaten Konversationen in E-Mails nicht an uns völlig Unbekannte weitergeleitet werden? Zeichnet jemand unsere alltäglichen Handlungen an öffentlichen Orten mit dem Mobiltelefon auf und verbreitet sie im Internet? Sollte das passieren, sind fehler aus unserer Vergangenheit im Netz zudem dauerhaft abrufbar, einer einmal erlittenen Beschädigung unserer Reputation im Internet können wir dann nicht mehr entkommen. Diese negativen Auswirkungen der virtuellen Vernetzung beschreibt der Rechtswissenschaftler Daniel J. Solove in “The Future of Reputation”.

Sein Buch zeigt die problematische Entwicklungen auf und strebt eine Balance zwischen Privatsphäre und freier Meinungsäußerung an in einem Internet zwischen rigider Kontrolle und grenzenloser Freiheit. Es sei nicht schlechtes, wenn wir im täglichen Umgang miteinander auf die Einhaltung von Normen achten. Genauso habe es Vorteile, dass sich im Internet eine Art Normpolizei von Benutzern formiert, die Normübertretungen durch Ablehnung und öffentliche Bloßstellung sanktioniert. Aber möchte wir in einer Welt leben, in der wir potentiell mit jedem unserer Fehler vor den Augen der Welt bloßgestellt werden können? Dieses bedrohliche Szenario hat etwas von Jeremy Benthams Panopticon und von Michel Foucaults “Überwachen und Strafen”. Sollte die Normpolizei nicht auch Verantwortung haben? Was ist, wenn sie jemanden zu Unrecht bloßstellt, wenn sie Sachverhalte verzerrt darstellt oder wenn sie übertrieben reagiert? Weiterlesen »

Jan

Die Schweigespirale

Die SchweigespiraleJeder Studierende der Politik- oder Kommunikationswissenschaften beschäftigt sich im Laufe des Studiums mit einiger Sicherheit mindestens einmal mit der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann. Im Zuge der meiner Masterarbeit habe ich mich nach mehreren Semestern erneut mit der mittlerweile in sechster Auflage erschienenen Publikation der Allensbacher Demoskopin auseinandergesetzt. Die meisten mit der Schweigespirale zusammenhängenden Konstrukte und Befunde hatte ich ganz gut im Gedächtnis behalten: Öffentliche Meinung, Isolationsfurcht, Medienrealität, Gatekeeper, Nachrichtenwerte, selektive Wahrnehmung, kognitive Dissonanz, Bilder in unseren Köpfen, Agenda Setting, Political Efficacy, Zweistufenfluss, Artikulationsfunktion. Neu und hilfreich für mich war die vertiefende Beschäftigung mit Polarisierung und “pluralistic ignorance”.

Von großem persönlichen Nutzen fand ich die  geschichtlichen Überblicke zu Öffentlicher Meinung und Isolationsfurcht im Rückgriff auf Machiavelli, John Locke, David Hume, Jean-Jacques Rousseau et al. Das hat Klasse, wie Noelle-Neumann Bezüge zu den literarischen Klassikern der letzten 700 Jahre herstellt und Konzepte der Öffentlichen Meinungen in einen lebendigen geschichtlichen Kontext einordnet. Mich bewegte das dazu, diese großen Werke endlich selbst lesen zu wollen. Weiterlesen »

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