Archiv des Monats vom März, 2009

Jan

The Future of Reputation

The Future of ReputationDas Internet hat gravierende Auswirkungen auf unsere Privatsphäre: Mit unseren peinlichen Ausrutschern können wir heute vor einer weltweiten Öffentlichkeit bloßgestellt werden. Sind wir sicher, dass unsere privaten Konversationen in E-Mails nicht an uns völlig Unbekannte weitergeleitet werden? Zeichnet jemand unsere alltäglichen Handlungen an öffentlichen Orten mit dem Mobiltelefon auf und verbreitet sie im Internet? Sollte das passieren, sind fehler aus unserer Vergangenheit im Netz zudem dauerhaft abrufbar, einer einmal erlittenen Beschädigung unserer Reputation im Internet können wir dann nicht mehr entkommen. Diese negativen Auswirkungen der virtuellen Vernetzung beschreibt der Rechtswissenschaftler Daniel J. Solove in “The Future of Reputation”.

Sein Buch zeigt die problematische Entwicklungen auf und strebt eine Balance zwischen Privatsphäre und freier Meinungsäußerung an in einem Internet zwischen rigider Kontrolle und grenzenloser Freiheit. Es sei nicht schlechtes, wenn wir im täglichen Umgang miteinander auf die Einhaltung von Normen achten. Genauso habe es Vorteile, dass sich im Internet eine Art Normpolizei von Benutzern formiert, die Normübertretungen durch Ablehnung und öffentliche Bloßstellung sanktioniert. Aber möchte wir in einer Welt leben, in der wir potentiell mit jedem unserer Fehler vor den Augen der Welt bloßgestellt werden können? Dieses bedrohliche Szenario hat etwas von Jeremy Benthams Panopticon und von Michel Foucaults “Überwachen und Strafen”. Sollte die Normpolizei nicht auch Verantwortung haben? Was ist, wenn sie jemanden zu Unrecht bloßstellt, wenn sie Sachverhalte verzerrt darstellt oder wenn sie übertrieben reagiert? Weiterlesen »

Jan

Die Schweigespirale

Die SchweigespiraleJeder Studierende der Politik- oder Kommunikationswissenschaften beschäftigt sich im Laufe des Studiums mit einiger Sicherheit mindestens einmal mit der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann. Im Zuge der meiner Masterarbeit habe ich mich nach mehreren Semestern erneut mit der mittlerweile in sechster Auflage erschienenen Publikation der Allensbacher Demoskopin auseinandergesetzt. Die meisten mit der Schweigespirale zusammenhängenden Konstrukte und Befunde hatte ich ganz gut im Gedächtnis behalten: Öffentliche Meinung, Isolationsfurcht, Medienrealität, Gatekeeper, Nachrichtenwerte, selektive Wahrnehmung, kognitive Dissonanz, Bilder in unseren Köpfen, Agenda Setting, Political Efficacy, Zweistufenfluss, Artikulationsfunktion. Neu und hilfreich für mich war die vertiefende Beschäftigung mit Polarisierung und “pluralistic ignorance”.

Von großem persönlichen Nutzen fand ich die  geschichtlichen Überblicke zu Öffentlicher Meinung und Isolationsfurcht im Rückgriff auf Machiavelli, John Locke, David Hume, Jean-Jacques Rousseau et al. Das hat Klasse, wie Noelle-Neumann Bezüge zu den literarischen Klassikern der letzten 700 Jahre herstellt und Konzepte der Öffentlichen Meinungen in einen lebendigen geschichtlichen Kontext einordnet. Mich bewegte das dazu, diese großen Werke endlich selbst lesen zu wollen. Weiterlesen »

Jan

Die Bilder in unserem Kopf

Eines der ersten Konzepte, die ich im Rahmen meines Studiums kennenlernte war die Medienrealität, der verfremdete Teilausschnitt der Realität, den uns die Medien präsentieren, und den wir meist für wahr halten. Gerade lese ich wieder “Die Schweigespirale” von Elisabeth Noelle-Neumann. Darin zitiert sie eine besonders schöne Passage aus Walter Lippmanns “Public Opinion”, welche diese Bilder in unserem Kopf beschreibt. Weiterlesen »

Jan

Konzept meiner Masterarbeit

YouTubeGestern habe ich noch einmal mit Prof. Dr. Christoph Lau vom Lehrstuhl für Soziologie der Universität Augsburg mein Konzept für die Masterarbeit zu Internet Bashing besprochen. Es freut mich, dass ich nach meiner Bachelorarbeit auch mit meiner Masterarbeit seine fachliche Unterstützung erhalte. Das Gespräch hat mir eine frische Perspektive auf das Phänomen der Schmähkritik im Internet eröffnet, insbesondere im Hinblick auf das Feld der Konsumkultur und das Forschungsprogramm der Wissenssoziologischen Diskursanalyse. Nachdem ich das Konzept nun seit 2007 dreimal in einem Plenum der Universität vorgestellt habe – zweimal im Abschlusskandidatenseminar, einmal im Rahmen der Interdisziplinären Ringvorlesung – und nachdem ich es mit meinen Betreuern abgestimmt habe, mache ich mich nun an den empirischen Teil der Arbeit.

Die Masterarbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des Internet Bashing. Der Neologismus bezeichnet negative, schmähkritische, oftmals auch gehässige oder ehrverletzende Kommentare über Produkte. Betroffen können auch prominente Personen sein, deren Arbeit oder Persönlichkeit angegriffen wird. Folgen sind Schädigung ihres Images in den Medien sowie wirtschaftliche Schäden. Es handelt sich bei Internet Bashing um ein soziales Gruppenphänomen, das auch in den Bereich professioneller Medienakteure hineinreicht. Weiterlesen »

Bedienungsanleitung für das Raumschiff ErdeDer Band enthält mehrere Schriften von Richard Buckminster Fuller, einem einflussreichen technologischen und architektonischen Visionär aus den USA. Seine Ideen, Entwürfe und Projekte werden in einem ausführlichen Bildtteil vom deutschen Herausgeber Joachim Krausse dokumentiert und kritisch untersucht. Buckminster Fuller gilt als Urheber der Verschwörungstheorie von den “Großen Piraten”, die über Jahrhunderte alle Handelswege, das Wissen der Menschheit und die meisten Könige und Staatsmänner kontrollierten. Den Zeitraum ihres unsichtbaren Einflusses spannt der Autor von der Entstehung der ersten seefahrenden Nationen bis zum großen Wirtschaftskrach von 1929. Diese Geschichte, die er vor dem Leser ausbreitet, klingt überraschend plausibel, mehr als Spekulation steckt aber nicht dahinter.

Inspirierend fand ich dennoch Buckminster Fullers Bild von der Erde als integral konstruiertes Raumschiff, das in der Unendlichkeit des Alls um die Sonne, sein energiespendendes Mutterschiff, kreist. Dieses Raumschiff muss wie eine Maschine als Ganzes begriffen, bedient und gewartet werden. Obwohl das Buch in der 1970er-Jahren geschrieben wurde, steht mit dieser im Buch genauer explizierten Metapher ein Modell zur Verfügung, das handlungsleitend sein kann für viele Probleme, mit denen wir in der heutigen Zeit auf der Erde konfrontiert sind. Buckminster Fuller wirft er unter anderem Fragen auf wie diejenige, warum wir lieber unsere Erde verbrennen als die Energie der Sonne zu nutzen, und warum wir es vorziehen, Kriege gegen ökonomisch benachteiligte Habenichtse zu finanzieren, als Probleme im Frieden zu lösen unter dem Vorwand, es würde zuviel kosten.

Buckminster Fuller nimmt eine eher technologisch beziehungsweise kybernetisch orientierte Perspektive ein, wenn er seinen Welt-Design-Plan formuliert. Nachdenkenswert finde ich die in den begleitenden Schriften enthaltene Neudefiniton von Reichtum als unsere organisierte Fähigkeit, die Umwelt effektiv zu meistern und Restriktionen für die künftigen Tage unseres Lebens zu vermindern. Reichtum ist demnach keineswegs in Form von Tauschmitteln oder physischen Objekten ganz allgemein manifestiert, sondern in technologischem Wissen, bewussten Handlungsoptionen und Ideen zur Prozessoptimierung.

Jan

The Cult of the Amateur

The Cult of the AmateurAnfang letzten Jahres habe ich im Rahmen der ersten w.e.b.Square-Tagung einen kleinen Vortrag zu Web 2.0 und Portfolios gehalten. Bei den Vorbereitungen dazu hatte ich mir das damals ziemlich aktuelle Buch “The Cult of the Amateur” von Andrew Keen bestellt. Obgleich es nicht rechtzeitig vor dem Termin eintraf, habe ich es später mit Interesse gelesen. Über einen Beitrag von Tara bin ich jetzt noch einmal auf den Titel zurückgekommen.

Wie Andrew Keen zu Beginn des Buches selbst schreibt, betrachtet er sein Buch als eine Polemik. Ich würde hinzufügen, dass es sich um eine humorlose und vor allem teilweise wenig fundierte Polemik handelt. Dies mache ich unter anderem daran fest, dass er sich trotz des reißerischen Untertitels (“How today’s internet is killing our culture”) nicht einmal grundsätzlich mit dem Begriff der Kultur beschäftigt. Aber auch die ständig implizite Annahme störte mich, etablierte Nachrichtendienste und Medienvertriebswege seien dem Internet per se überlegen. Gefallen haben mir dagegen seine Ausführungen über kollektive Intelligenz und kollektive Ignoranz sowie seine Hypothesen zu digitaler Framentierung von Meinungsöffentlichkeiten.

Einerseits teile ich mit dem Autoren eine gewisse Reserviertheit gegenüber Web 2.0-Hype in den Fällen, in denen digitale Vertriebs- und Kommunikationswege die Qualität von Informationsgütern entweder verschleiern oder beeinträchtigen, andererseits sind mir die Auführungen im Buch zu normativ orientiert und streckenweise zu wenig reflektiert, insbesondere im Hinblick auf die Thesen, dass durch das Internet niemand mehr bereit ist, für Musik zu bezahlen, dass alle Laienjournalisten im Internet nur noch voneinander abschreiben und nichts Eigenes mehr erschaffen, oder dass Produktempfehlungen von Nutzern mit einem ähnlichen Geschmack pauschal weniger wertvoll sind als diejenigen eines Beraters im Geschäft. Insgesamt habe ich also einen zwiespältig Eindruck von dem Werk mitgenommen. Als Denkanstoß in Abgrenzung zum einem einseitigen Web 2.0-Hype fand ich es allerdings lesenswert.

Jan

Wertlose Wertungen

Wertungsgrafik

In letzter Zeit habe ich mich mit der Anwendbarkeit von skalierten, numerischen Wertungssystemen auf Kulturgüter beschäftigt und einige Texte dazu gelesen, ob man Empfindungen von “Spaß” mit solchen Wertungen ausdrücken kann. Wir alle kennen aus Print- oder Online-Magazinen skalierte Wertungssysteme für Musik, Filme oder Videospiele mit bis zu fünf beziehungsweise zehn Punkten oder mit einem feinstufigen System von bis zu 100 Prozent. Durch die Messung des “Spaß”, den man mit Kulturgütern haben kann, wird versucht, potentiellen Käufern eine allgemeingültige Orientierung über subjektive Eindrücke und individuellen Geschmack hinaus zu geben. Durch die Zunahme der Informationsmenge und der Masse konkurrierender Meinungen im Internet ist dieses Orientierungsbedürfnis in den vergangenen Jahren angestiegen. In der Folge gewinnen Aggregatoren von Wertungen wie Metacritic an Bedeutung, die mehr oder weniger systematisch Einzelmeinungen sammeln und miteinander verrechnen.

Zu den Implikationen der Idee, dass das aggregierte Kollektiv immer recht hat, verfasste unter anderem Jaron Lanier bereits vor drei Jahren ein einflussreiches Essay mit dem Titel  “Digital Maoism”. Im speziellen Fall der Wertung von Spaßempfinden ist mein derzeitiger Standpunkt, dass selbst an der Basis die einzelnen Wertungen und Reihenfolgen abstrakter, nichteindeutiger Begriffe wie “Spaß” irreführend sind, weil sie die zugrundeliegenden individuellen Einstellungen von Rezensenten verdecken. Was ich also kritisiere ist das bewusste Verdecken subjektiver Einstellungen durch nur anscheinend objektivierende, numerische Wertungssysteme, verschärft durch den Trend, diese Wertungen in netzbasierten Diensten zu aggregieren. Weiterlesen »

Jan

Neue Ausgabe von w.e.b.Square

w.e.b.SquareWie bei Sandra, Alex und Tami bereits berichtet, ist gestern die Ausgabe 02/2009 von w.e.b.Square erschienen. w.e.b.Square ist ein studentisches Online-Magazin, an dem ich seit 2006 mitarbeite, erst im Rahmen des Begleitstudium Problemlösekompetenz, später in der Redaktion. Nach dem Relaunch 2008 dürfte dies die umfangreichste Ausgabe sein. Der Titel ist “Das Salz in der Suppe? Medien, PR und ihre Wirkungen auf unterschiedliche Rezipienten”, der Fokus liegt damit zum ersten Mal im Bereich der Professur für Kommunikationswissenschaft der Universität Augsburg. Nach einem Editorial von Florian Ranner folgen Beiträge zu Marketingprojekten im Internet, empirische Analysen von Öffentlichkeitsarbeit, Einblicke in journalistische Redaktionsstrukturen und Arbeiten zur Politik-PR. Die Texte stammen von Studierenden der Medien und Kommunikation in Augsburg.  Da der Studiengang relativ klein ist, kenne ich die meisten der Autorinnen und Autoren persönlich, mit einigen habe ich vor einiger Zeit ihre Arbeiten diskutiert.

w.e.b.Square als Modell zwischen Studium und freier Bildungsressource ist übrigens 2008 auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) 2008 mit dem Best Paper Award ausgezeichnet worden. Dieses Jahr ist das Projekt Finalist in der Kategorie III – Public Relations des European eLearning Award 2009. Dazu ist vor kurzem ein kurzer Imagefilm entstanden, der das Motto “von Studierenden für Studierende” visualisiert. Konzept und Film werden heute auf der CeBIT in Hannover vorgestellt. Sandra hat in den vergangenen Jahren zusammen mit der Redaktion viel Energie in w.e.b.Square investiert, ich drücke ihr für das Finale die Daumen.

Jan

It came from hunger!

It came from hunger!“It came from hunger! Tales of a Cinema Schlockmeister” ist die 1996 erschienene Autobiographie des amerikanischen Regisseurs Larry Buchanan, der fünf Jahrzehnte lang als Regisseur, Produzent, Autor und Schauspieler in der Filmindustrie tätig war. In dieser Zeit war er an über 30 Produktionen beteiligt und schuf mit “Zontar, the Thing from Venus” und “Mars Needs Women” Kultfilme. Er starb am 2. Dezember 2004 kurz vor der Fertigstellung seines Bibelepos “The Copper Scroll of Mary Magdalene”. Buchanan wurde 81 Jahre alt.

Geboren wurde er am 31. Januar 1923 als Marcus Larry Seale, Jr., doch ein Studioboss von 20th-Century-Fox Pictures änderte später seinen Namen in Larry Buchanan. Der erste Film des aufstrebenden jungen Regisseurs enstand 1951: “The Cowboy” erhielt sogar eine Nominierung für den Peabody Award. Es war die letzte Auszeichnung, die Buchanan je erhalten sollte, denn in den Folgejahren produzierte er beinahe ausschließlich Exploitation-Kino für die Drive-Ins oder das Programm von American International Television. Seine Budgets betrugen selten mehr als ein Drittel der Summe, die Regisseure wie Roger Corman für ähnliche Projekte erhielten. Weiterlesen »