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Die wehrlose Gesellschaft

Die wehrlose GesellschaftSeit einigen Jahren beobachte ich eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich in kleinen Angriffen auf die Freiheit und unser demokratisches System fortwährend immer weiter ausbreitet: Politikverdrossenheit, Wählerverdrossenheit, Bevormundungsrhetorik, Großer Lauschangriff, Gläserner Bürger, Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Überwachungs- und Misstrauensstaat, zuletzt die Zensurinfrastruktur des Zugangserschwerungsgesetzes.

Ich fühle mich an Alexis de Tocqueville erinnert. Er sieht in der Zentralisation der Regierung die Gefahr des schleichenden Erwachsens einer gewaltigen Vormundschaftsgewalt. In einer Art wohlwollender Unterdrückung kümmert sie sich um die Sicherheit, das Behagen und das Schicksal des einzelnen Bürgers. Sie bedeckt dabei die Gesellschaft mit einem dichten Netz kleiner, verwickelter, enger und einheitlicher Regeln. So verhindert und verbietet sie allmählich den Gebrauch des freien Willens und eine individuellen Selbstbestimmung. Die eigene Vernunft auszubilden und zu benutzen, das ist nicht mehr erwünscht.

Das Titelbild einer neueren Taschenbuchausgabe von “Die wehrlose Gesellschaft” entspricht dem Gedanken dieses Netzes unterdrückender Regeln, welches sich über die Gesellschaft legt. Die Publikation wurde 1964 von dem bekannten sozialkritischen Autoren Vance Packard abgefasst. Ich wollte wissen, von welchen Entwicklungen die Menschen vor 45 Jahren die Ausbildung ihres freien Willens gefährdet sahen. Mich interessierten darüber hinaus die Fragen, was sich seitdem geändert hatte und ob wir heute mehr oder weniger Beschränkungen unserer individuellen Freiheit hinnehmen.

Aus historischer Perspektive ist der Text denn auch tatsächlich hochinteressant. Packard hat in seiner akribischen Analyse des Angriffs auf die Privatsphäre bereits damals vor allem elektronische Überwachung im Blick. Außerdem rekonstruiert er zahlreiche Fälle, in denen amerikanische Bürger ohne ihr Einverständnis gefilmt, von privaten Überwachungsdiensten in ihrer Nachbarschaft ausspioniert und von Regierungseinrichtungen oder Firmenvertretern in erniedrigenden Befragungen zu Geständnissen über ihre persönlichsten Einstellungen und Neigungen gezwungen wurden.

Viele dieser Fälle sind heute strafbar. Für Handlungen wie den Weiterverkauf von Adresslisten, das Abhören von Wohnungen oder die Kontrolle der sexuellen Orientierung von Arbeitssuchenden gab es in den 1960er-Jahren anscheinend in den USA noch keine klare Gesetzlage. In diesen und anderen Fällen wird unsere Privatsphäre heute vom Staat geschützt. Auf der anderen Seite zeigt Packard eine Reihe von Tendenzen auf, die heute nicht nur noch bestehen, sondern in sogar noch stärkerem Umfang unserere Privatsphäre beschädigen. Einige davon sind das starke Anwachsen der Abhängigkeit von Organisationen, die Entwicklung zu einer Garnisonsmentalität aus Angst vor äußeren Feinden sowie die Ausweitung elektronischer Überwachungssysteme auf alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens.

Heute sehen wir uns mit einer weitreichenden Speicherung und Kontrolle unserer gesamten Kommunikation konfrontiert. Dass die analogen und digitalen Systeme wie Telefon und Internet vom Staat überwacht werden, ist mittlerweile Alltag. Mehr noch: durch die Eingebundenheit in virtuellen Netzwerken sind wir von diesen Systemen abhängig, wir verbringen einen immer höheren Anteil unserer Zeit mit technisch vermittelter Kommunikation. Dadurch wird es möglich, praktisch unser gesamtes Leben zu überwachen. Es ist eine fast vollkommene Auflösung unserer Privatsphäre, die sich Packard in seinem kurzen Abschnitt zur Zukunft der Überwachung am Ende des Buches noch nicht einmal annähernd vorstellen kann.

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