Jan

Terror und heuchlerische Moral

Noam ChomskyTerrorismus ist die Anwendung von Gewalt, um politische, religiöse oder ideologische Ziele zu erreichen. Das ist die allgemein akzeptierte Definition. Noam Chomsky schließt daraus, dass die USA als sein Heimatland durch ihre Geschichte hindurch in Terrorismus verstrickt sind. Anhand der Ereignisse von 1985 als einem der am schwersten von terroristischen Gewalthandlungen gezeichneten Jahre der Weltgeschichte zeigt er die heuchlerische Morals des Westens auf.

Zu Beginn seines Vortrags mit dem Titel “Distorted Morality” an der Harvard University erläutert er den biblischen Begriff des Heuchlers: Es handelt sich um einen Menschen, der anderen Standards auferlegt, die für ihn selbst keine Gültigkeit haben sollen. Laut Chomsky sind wir sind alle Heuchler, was den internationalen Terrorismus anbetrifft.

Erstens wird Staatsterror des Westens im Vergleich zum Terror aus Staaten des Nahen Ostens heruntergespielt oder gar nicht erst wahrgenommen. Man muss nicht viel Mühe investieren, um diese offensichtliche Disparität zu bemerken. Man muss dagegen sehr viel Mühe investieren, um diese Disparität wegzudenken.

Zweitens ist die Aussage, Terror sei eine Methode, die ausschließlich die Schwachen benutzten, demonstrierbar falsch. Staatsterror ist mächtig, weil der Staat mächtig ist. Wenn man die Definition von Terror herannimmt, nach der es sich um Gewalt zur Erreichung von Zielen handelt, ist Terrorismus in der überwältigenden Zahl der historisch registrierten Gewaltakte die Methode der Starken. Insbesondere Staatsterror ist in seinen Auswirkungen viel schlimmer als Terror durch einzelne, verstreute Gruppierungen.

Drittens greift Chomsky die genannte Definition von Terror selbst an. Demnach werde als Terror meistens doch nur “Gewalt gegen uns durch Andere” bezeichnet. Das heuchlerische darin besteht in dem Gedanken, dass die eigene Gewalt nicht als Unrecht gilt. Wir machen es, also zählt es nicht als Terrorismus. Das führt direkt zur die eigene Unmoral entlarvenden Rhetorik von einem “Krieg gegen Terror”. Es kann nur Terror gegen Terror geben. Und Terror gegen Terror ist ein Unrecht auf der Basis einer moralischen Verirrung.

Der Schluss aus dem Vortrag von Chomsky ist ebenso simpel wie einleuchtend: Terror als Gewaltakt, ob als Vergeltung oder zur Prävention, ist immer ein Unrecht. Wer anderes behauptet, der ist ein Heuchler.

Foto: flickr.com | Kim Pierro

2 Antworten to “Terror und heuchlerische Moral”

  1. Joeon 14 Nov 2009 at 19:33

    Wie Chomsky in diesem Vortrag auch meinte: “It takes real good education to miss these things.” :-)

  2. Janon 15 Nov 2009 at 13:54

    Stimmt. Seine wissenschaftliche Leistung besteht darin, dass er akribisch alle Terrorakte recherchiert dann logische Schlüsse aus dem Gesamtbild zieht. Dazu muss er die von Historikern und der Medienberichterstattung festgelegte Konsensrealität beseite schieben.

Trackback URI | Comments RSS

Leave a Reply