Dez 11th, 2009
Vage Unzufriedenheit oder fundierte Kritik?
Seit Wochen besetzen Studierende in Österreich, Deutschland und im Ausland die Hörsäle ihrer Hochschulen. Mein Studium ist bereits beendet, trotzdem habe ich kurz nach Beginn der zweiten Protestwelle in diesem Jahr mehrmals die Plenumssitzungen im Augsburger Audimax besucht. Ich hatte den Eindruck, dass die Besetzung ehemals zerstrittene Gruppen vereinte; Neben Vertretern des Aktionsbündnisses für freie Bildung (CONTRA) und politisch aktiven Studierenden gehören auch Ehemalige des Allgemeinen Studierendenausschusses zum harten Kern der Besetzer. Darüber hinaus gab es Solidaritätsbekundungen aus Lehrstühlen und Professuren. Mehrmals in jeder Woche hielten Lehrende Vorträge zu (bildungs-)politischen Themen.
Bemerkenswert fand ich einen Vortrag von Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel von der Europäischen Ethnologie/Volkskunde. Sie sagte offen, die Mitarbeiter der Hochschulen seien nach den Beschlüssen von Bologna 1999 unzureichend informiert gewesen. Daher seien sie auch unzureichend darauf vorbereitet, den eingeleiteten Prozess umzusetzen. Bologna habe das Gegenteil seines Ziels erreicht: Statt einem einheitlichen Bildungsraum in Europa sei es nun sogar schwieriger als zuvor, Auslandsemester zu organisieren. Die Umsetzung der Modularisierung sei chaotisch. Gleichzeitig warnte sie davor, lediglich die Rückkehr zur Universität von 1999 zu fordern. Das alte Hochschulsystem sei alles andere als perfekt gewesen. Stattdessen sollte der Bologna-Prozess reformiert werden.
Aus dem Bereich der Lehre, der Hochschulleitungen und der Bildungspolitik werden nun wieder Vorschläge ausgearbeitet und Versprechungen gemacht. Was in einigen Monaten davon bleibt, ist ungewiss. Wohl deshalb ermutigte ein Dozent der Universität Augsburg kürzlich die Besetzer, weiterzumachen und sich nicht mit vagen Zusagen zu einem “aktiven Dialog” abspeisen zu lassen. Festhalten kann man: Die Arbeitsgruppen des Bildungsstreiks haben in den vergangenen Wochen inhaltlich und öffentlich mehr erreicht als die Studierendenvertretungen im Land in den letzten Jahren.
In einigen Punkten stehe ich der Besetzung der Audimax in Augsburg kritisch gegenüber. Auf inhaltlicher Ebene würde ich mir von den Arbeitsgruppen wünschen, mehr konkrete inhaltliche Kritikpunkte aus ihrem persönlichen Studium zu erfahren. Ich habe das Gefühl, Medien & Kommunikation in einem Studiengang studiert zu haben, in dem der Bologna-Prozess im Rahmen der Vorgaben sorgfältig und gleichzeitig erfreulich unbürokratisch umgesetzt wurde. Mich interessiert deshalb, wo die Problembereiche in einzelnen Studienfächern in Augsburg liegen. Der Protest wirkt, als gründe er auf einer vagen Unzufriedenheit irgendwo im Komplex Bologna, Prüfungsdruck, Studiengebühren, Raummangel und dem Schlagwort “Humankapital”.
Nennenswert dabei ist, dass erst nach Beginn der Besetzung eine Arbeitsgruppe gegründet wurde, die Argumente sammeln sollte, warum man eigentlich besetzt. Diese Arbeitsgruppe recherchierte zwei Tage lang. Anschließend präsentiert sie im Plenum einen vorläufigen Stand zu Studierendenzahlen, Hochschulfinanzierung und sozialer Gerechtigkeit – mit vier bis neun Jahre alten Daten. Da frage ich mich, wie fundiert die Kritik der Studierenden ist und wie brauchbar ihre Forderungen zur Reform des Bologna-Prozesses sein können. An Elan mangelt es ihnen gewiss nicht. Die Unzufriedenheit der Studierenden ist höchst real und in weiten Teilen sicher berechtigt. Ich vermute nur, dass die Hochschulleitungen und die Bildungsministerien der Länder häufig besser wissen, wo die Probleme liegen und was man nun tun müsste, da der Protest sich Luft gemacht hat.
Die Augsburger Hochschulleitung hat heute eine Stellungnahme zu den vorläufigen Forderungen der Studierenden vom 27. November veröffentlicht. Der Text ist auf der Internetpräsenz zu finden.
Foto: AStA Augsburg | Daniel Schüttpelz