Feb 8th, 2009
Human Dynamics
Kürzlich erhielt ich eine Einladung zu einer Mitarbeiterfortbildung des Zentrums für Weiterbildung und Wissenstransfer an der Universität Augsburg. Die Veranstaltung “Stressfrei zusammen arbeiten” soll dazu anleiten, unterschiedliche Persönlichkeitsdynamiken in Gruppenprojekten zu berücksichtigen dadurch Spannungen zu minimieren. Die Veranstalter sehen im Respekt vor der Andersartigkeit der eigenen Mitmenschen den Schlüssel zum erfolgreichen arbeiten. Klingt soweit ganz sympathisch.
In meinem Studiengang Medien & Kommunikation sind Gruppenprojekte mit kooperativen oder kollaborativen Arbeitsformen der Normalfall. Außerdem habe ich mich stark im Begleitstudium Problemlösekompetenz der Professur für Medienpädagogik engagiert, in dem Aufgaben auschließlich gemeinsam angegangen wurden. Als Tele-Tutor habe ich in einer Einführung zur qualitativen Sozialforschung die knifflige Aufgabe kennengelernt, Teilnehmer einer Lehrveranstaltung zu motivieren und in guter Stimmung zu halten. Ärger hatte ich bei Gruppenprojekten in Einzelfällen auch. Ich habe im Anschluss versucht, sie als positive Erfahrungen für meine Persönlichkeitsentwicklung zu reflektieren und daraus zu lernen. Im Laufe der Zeit habe ich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass jeder mit der Gruppe gut zusammenarbeiten will, sich manchmal aber unterschiedliche Erwartungen und Persönlichkeiten entgegenstehen. Daraus entstehen Spannungen, die man allerdings durch gemeinsame, offene Gespräche aufheben kann. Denn letztendlich haben wir als Menschen alle ähnliche soziale Grundbedürfnisse.
Zu diesem Verständnis hat mir auch die Beschäftigung mit den Schriften des Psychoanalytikers Helm Stierlin geholfen, der die Bedeutung der gemeinsamen Verbindung und Verantwortung von Menschen für ihre gemeinsame Situation herausarbeitet. In dem damaligen Seminar ist ein Podcast zu diesem Thema entstanden, der bei Podcasting im Bildungskontext noch verfügbar sein sollte. Falls nicht, sende ich ihn gerne zu. Wir haben seine Aussagen damals auf eine brenzlige Szene mit Bergsteigern im Schneesturm übertragen. Auch aus dieser Erfahrung habe ich ein Bewusstsein für die gegenseitige Abhängigkeit von Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und die gemeinsame Verantwortung für ihr Zusammenleben mitgenommen.
Ein ähnliches Bewusstsein versucht der Kurs “Stressfrei zusammen arbeiten” zu schaffen. Dabei baut er auf dem Konzept Human Dynamics auf. Human Dynamics ist meiner Einschätzung nach der Versuch, die gesamte Bandbreite menschlichen Kommunikationsverhaltens über fünf Typen zu beschreiben. Die theoretische Basis ist mir hierbei nicht klar. Ich denke, dass die Unterscheidungsmerkmale von Kommunikationsverhalten aus Human Dynamics nützlich sind, um Kommunikationsschwierigkeiten zu erklären, Kommunikationsprobleme zu vermeiden und den Respekt für verschiedene Kommunikationsverhaltensweisen in Arbeitsgruppen zu fördern. Ich bezweifle etwas, dass die Typologien durch theoretisch fundierte Kritierien voneinander eindeutig zu trennen sind. Ich sehe Überschneidungen in den Unterscheidungsmerkmalen zwischen verschiedenen Typen. Meiner Ansicht nach ließen sich weitere Typen aus Kombinationen der bestehenden oder mit neuen Unterscheidungsmerkmalen konstruieren, was dann allerdings den Eindruck eines geschlossenen logischen Systems, den Human Dynamics vermitteln möchte, beschädigen könnte. Außerdem denke ich, dass Menschen in verschiedenen Kommunikationssituationen zwischen Verhaltensweisen wechseln, da nach Helm Stierlin bis zu einem gewissen Grad die jeweiligen Kommunikationspartner Verhalten hervorbringen.
Die Implikation der Anwendung von Human Dynamics ist das Bestreben, menschliches Verhalten besser zu verstehen und verwalten zu können. Für ersteres Vorhaben halte ich Human Dynamics nützlich, zur Umsetzung des zweiten Vorhabens erscheinen mir Deskription und Fundierung der fünf kommunikativen Typen nicht ausreichend. Ich weiß wahrscheinlich schlicht zu wenig über die theoretische und empirische Fundierung des vorgeschlagenen Modells von Human Dynamics, aber die verführerische Eleganz solcher vereinfachenden Typologien rascher und simpler Orientierung in so komplexen Situationen wie menschlicher Kommunikation lässt mich vorsichtig werden. Beurteilen könnte ich Human Dynamics erst richtig, wenn ich mich mit der Operationalisierung den im Begleitdokument angesprochenen Studien sowie den Publikationen zur Forschung beschäftigt habe. Zu diesem Bereich konnte ich nach einer kurzen Recherche jedoch nicht einen einzigen Titel finden, weshalb ich davon ausgehe, dass das Modell seit den 1970er-Jahren nicht in den wissenschaftlichen Diskurs eingegangen ist.
Sehr geehrter Herr Schnurr, ich war Teilnehmer des Seminars und möchte hiermit nur kurz anmerken, dass es weniger um die Typisierung oder Einordnung von Menschen in Gruppen geht, auch wenn der Eindruck vielleicht aufgrund der Ihnen zur Verfügung gestandenen Unterlagen entstanden ist. Dass Menschen unterschiedliche Verarbeitungsprozesse in Bezug auf alles haben, was sie an Informationen erfahren oder produzieren ist eine sehr spannende Sache und kann meines Erachtens nur erlebt werden. Vor allem die Interaktion zwischen den Menschen unterschiedlicher interner Verarbeitungsprozesse ist sehr vielschichtig und wird je nach dem Verarbeitungsprozess des Betrachters systemimanent unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. In diesem systemischen Ansatz spielt meines Erachtens die Musik und das kann man nur “live” begreifen, nicht intellektuell. Aber es freut mich, dass Sie sich so viel Gedanken zu dem Thema gemacht haben, ich möchte Sie hiermit ermutigen, sich auf das Kennenlernen Ihres internen Verarbeitungsprozesses einzulassen, es ist ein Genuß!
Hochachtungsvoll
Th. Wöhrl
Ihr Ansatz “stessfrei zusammen arbeiten” ist in Bezug auf Human Dynamics grundsätzlich falsch, auch wenn er in Deutschland oft so verkauft wird.
Darf ich fragen, wie ein richtiger Ansatz im Zusammenhang mit Human Dynamics lautet?