Wer zählt eigentlich in dieser Gesellschaft zur Leistungselite? Wie steigt man in die Leistungselite auf? Kann das jeder schaffen, unabhängig von der sozialen Herkunft? Hilft das deutsche Stipendiensystem dabei, soziale Ungleichheiten abzubauen oder verstärkt es diese im Gegenteil sogar noch? Fragen wie diese waren Gegenstand einer Diskussionsrunde am 2. Juni in der Halle der Katholischen Hochschulgemeinde Augsburg. Vor Publikum trafen zwei Kontrahenten mit gegensätzlichen Positionen aufeinander: der Soziologe Prof. Dr. Michael Hartmann und Dr. Claudia Lücking-Michel, die Generalsekräterin des Cusanuswerks. Da mich die Thematik aktuell beschäftigt, nahm ich als Zuhörer an der Veranstaltung teil.

Herr Prof. Dr. Hartmann bezog in weiten Teilen eine Position gegen das bestehende Stipendiensystem in Deutschland. Auch einen Ausbau desselben lehnte er ab. Mit dem bestehenden Fördersystem gelinge ist nicht, soziale Unterschiede auszugleichen. Tatsächliche zeigten Untersuchungen, dass es benachteiligende soziale Muster reproduziere. Bafög sei das einzige System, welches spürbar zu einer Ausweitung des Anteils von Arbeiterfamilien im Bildungssystem führe. Eine Ausweitung von Stipendien führe dagegen zu einer weiteren Verschärfung der sozialen Unterschiede. So werden bevorzugt diejenigen für Stipendien vorgeschlagen, die schon früh auf Leistung sozialisiert und für die Auswahlkriterien des Stipendiensystems getrimmt sind. Diese verstärke erneut die soziale Selektion.

Frau Dr. Lücking-Michel hielt dem entgegen, dass das Bildungssystem durchlässig sei. Der wichtigste Faktor seien die eigene Anstrengung und Motivation. Jeder könne sich zudem selbst für ein Stipendium bewerben. Ein Vorschlag sei zumindest beim Cusanuswerk nicht erforderlich. Bei der Auswahl der Bewerber werde kein starrer Kriterienkatalog angewandt, der Menschen mit sozial ungünstigen Startvoraussetzungen ausschließe. Wichtig sei dagegen die Lebensleistung. Bei der Auswahl achteten die Gutachter darauf, wo die Bewerber im Leben starten mussten und wo nun ihre Entwicklungspotenziale liegen. Bewerber mit schlechten Startbedingungen hätten bessere Voraussetzungen, weil sie schon bewiesen haben, dass sie eine hohe Motivation aufbringen. Gleichzeitig betonte Lücking-Michel, das Cusanuswerk sei eine Begabtenförderung und keine soziale Hilfsstelle. Ein Stipendium sei ein Instrument, das darauf ausgelegt ist, nur einigen zu helfen.

Aufschlussreich fand ich einen recht langen Diskussionsbeitrag eines Cusanus-Stipendiaten im Publikum. Die Stipendiaten seien sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst. Die Förderungsbeträge würde er selbst häufig nicht dringend benötigen. Deshalb denke er ab und zu darüber nach, das einen Teil des Geldes an tatsächlich bedürftige Personen zu spenden. Der Beitrag klang danach, als hieße soziale Verantwortung, sich dieses Luxusproblem überhaupt bewusst zu machen, um dann zur Beruhigung des eigenen Gewissens vom eigentlich überflüssigen Fördergeld ein Almosen abzuzweigen.

Interessanterweise spielte der Begriff der “Leistungselite” in der Diskussion entgegen der Ankündigung keine Rolle. Lücking-Michel sprach sich stattdessen für “Verantwortungseliten” aus. Sie bezeichnete damit Menschen mit der Bereitschaft, sich gesellschaftlich in die Pflicht nehmen zu lassen. Hartmann kritisierte diese Idee einer Verantwortungselite. Seiner Beobachtung nach sei in gesellschaftlichen Fördernetzwerken der Verantwortungseliten häufig nicht soziales Engagement die ausschlaggebende Motivation, sondern die Besetzung von gesellschaftlich als relevant erachteten Positionen. Der Einfluss von Netzwerken müsse reduziert werden, da sie fast immer sozial selektiv seien. Netzwerke begrenzten den Zugang zu Machtpositionen, sie erschwerten eine offene Diskussion und die Transparenz gesellschaftlicher Entscheidungen.

Auch die Befreiung von Studiengebühren ist sozial selektiv. Zwei Gründe:
• wenn mehr als zwei Kinder in einer Familie studieren wird man befreit. Wo studieren
mehrere? In Akademiker Familien. Die 10 Jahrgangsbesten sind in der Regel
Akademikerkinder.

Eine Antwort to “Leistungselite, Verantwortungselite oder gar keine Elite?”

  1. Hannion 16 Jun 2010 at 01:09

    Hi Jan,
    sehr interessante Diskussion, da haette ich auch gerne zugehoert. Ich bin naemlich auch der Meinung, dass Stipendien und auch das Studieren an sich in den Akademikerfamilien bleibt. Natuerlich lehnt keine Agentur Arbeiterkinder ab, aber diese Arbeiterkinder hoeren wenn ueberhaupt viel spaeter von den Moeglichkeiten und haben nicht den Familienhintergrund, der ihnen erklaert, dass sie darauf hinarbeiten koennen. (Der Stipendiat ist echt ein tolles Beispiel…). Bafoeg ist das einzige sehr bekannte und fuer jemand mit wenig verdienenden Eltern leicht zu bekommendes “Stipendium”. Hinzu kommt, dass in Familien in denen die Eltern nicht studiert haben, die Frage nach dem Studieren erst viel spaeter geklaert wird, vielleicht sogar erst mit dem Abi, schliesslich bauen die Eltern keine Erwartung auf, dass man auch studieren muss.
    Liebe Gruesse aus den Reihen der niedrig bis mittleren sozialen Schicht ;)
    http://www.heise.de/tp/blogs/6/147620

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