Slender ManIch verfolge seit einigen Tagen einen spannenden Gesprächsfaden in der Online-Community “Something Awful”. Er begann mit dem Vorschlag eines Mitglieds, durch digitale Nachbearbeitung täuschend echte Aufnahmen paranormaler Phänomene zu erzeugen. Unheimliches Bildmaterial dieser Kategorie wird gerne in den Unterhaltungsbereichen von Nachrichtenportalen eingebunden. Es bedient das Interesse ihrer Zielgruppe an urbanen Mythen. Die ursprüngliche Motivation der Community-Mitglieder bestand dem folgend darin, sich gegenseitig zu gruseln und vielleicht sogar einzelne ihrer Arbeitsergebnisse in die Nachrichtenportale einzuschleusen.

Der Gesprächsfaden schlug allerdings schnell in eine neue Richtung um, nachdem ein Mitglied mit dem Pseudonym “Victor Surge” Bilder eines bizarren Schattenmannes beisteuerte (1|2), die er aufgrund der dürren Statur “Slender Man” nannte. Der Slender Man entspricht der mythischen Figur des schwarzen Mannes, der Kinder verschleppt und im Schutz von Nebel oder Dunkelheit auftaucht, häufig im Zusammenhang mit Unglücksfällen. Die Phantasie der Community war geweckt und schon bald verdrängte der Slender Man die vorherige Diskussion – alle Beiträge drehten sich plötzlich um die Figur. Manche Mitglieder fingen an, ihre eigenen Interpretationen des Slender Man zu gestalten, andere steuerten Schauergeschichten, gefälschte Zeitungsartikel oder fiktive Fotoberichte bei. Auf YouTube enstand ein Kanal, der eine relativ aufwändige und phasenweise sogar richtig unheimliche Serie von gestellten Sichtungen zeigt. Im Mythical Creatures Guide erhielt der Slender Man schließlich auch einen eigenen Eintrag. Ein urbaner Mythos war geboren.

Die unvorhergesehene Verbreitung des Slender Man wird den Mitgliedern der Community mittlerweile selbst unheimlich. Für einige von ihnen ist die Sache außer Kontrolle geraten. Sie fürchten sich vor dem Slender Man, obwohl sie ihn paradoxerweise selbst erschaffen haben. Der Slender Man ist eine Projektion von in ihrer Psyche begrabenen Kindheitsängsten. Sie wollen, dass er wieder dorthin verschwindet:

“It started off innocently enough, like telling ghost stories around the campfire. You wanted to give people a good scare, but a good laugh at the same time. But it was something more than that, wasn’t it? It was taking your fears that lived on the edge of your psyche and pushing them out into the world, into the light of day. (…) We were scared. We wanted it to stop. We wanted the Slender Man to be nothing more than something we created. (…) We have created something we cannot control. (…) Please stop it, the more you think about him, the harder it is for us to forget him.”

Ich finde das Phänomen aus zwei Gründen nachdenkenswert. Zum einen zeigt es die Kraft der Kooperation und Verbreitung von Wissen in Online-Communities. Selbst die Urheber des Mythos können ihn nicht mehr kontrollieren.  Auf der anderen Seite zeigt sich hier anschaulich, wie Realitätskonstruktionen wirken. Unsere Fantasie als Ausdruck unserer tiefsten Empfindungen ist nicht so klar von der Realität getrennt, wie wir das vielleicht oft denken. Ein faszinierender Fall.

2 Antworten to “Slender Man – Ein kollaborativ konstruierter, urbaner Mythos”

  1. Norberton 05 Jul 2009 at 18:53

    Brrr, mich gruselts bereits beim Lesen deiner Schilderung.

  2. The Slender Man – rattlab.neton 29 Sep 2009 at 20:00

    [...] Man ist also eine Figur, die noch gar nicht so lang existiert. Und schon gibt es Leute, die Angst vor diesem neuen urbanen Mythos haben. Per Suchmaschine lassen sich noch andere Einträge finden, wie z.B. bei Know Your Meme mit [...]

Trackback URI | Comments RSS

Leave a Reply