Archiv für den Tag 'Realitätskonstruktion'

Jan

Marble Hornets

Slender ManIch habe in meinem kurzen Text zu Slender Man die unheimliche YouTube-Serie Marble Hornets bereits einmal erwähnt. Mittlerweile läuft das Format anscheinend sehr erfolgreich. Fast 150.000 Kanalaufrufe in knapp sechs Monaten und 20.000 bis 100.000 Zugriffe auf jeden der einzelnen Beiträge sind für eine Amateurproduktion schon ziemlich gut. Über 2000 Menschen folgen Marble Hornets auf Twitter.

Marble Hornets ist in der Serie der Titel eines fiktiven Schulfilmprojekts. Während der Vorbereitungen kam es immer wieder zu seltsamen Vorfällen und schließlich brach Regisseur Alex die Dreharbeiten ganz ab. Einige Jahre später sichtet Jay, ein Bekannter von Alex, die Bänder aus den Probeaufnahmen und stößt dabei auf beunruhigende Bilder. Es scheint, als werde Alex erst in den Wäldern vor der Stadt und schließlich direkt in seinem Haus von einer übernatürlichen Gestalt verfolgt. Jay beginnt, auf YouTube Ausschnitte aus dem Material zu veröffentlichen. Weiterlesen »

Slender ManIch verfolge seit einigen Tagen einen spannenden Gesprächsfaden in der Online-Community “Something Awful”. Er begann mit dem Vorschlag eines Mitglieds, durch digitale Nachbearbeitung täuschend echte Aufnahmen paranormaler Phänomene zu erzeugen. Unheimliches Bildmaterial dieser Kategorie wird gerne in den Unterhaltungsbereichen von Nachrichtenportalen eingebunden. Es bedient das Interesse ihrer Zielgruppe an urbanen Mythen. Die ursprüngliche Motivation der Community-Mitglieder bestand dem folgend darin, sich gegenseitig zu gruseln und vielleicht sogar einzelne ihrer Arbeitsergebnisse in die Nachrichtenportale einzuschleusen.

Der Gesprächsfaden schlug allerdings schnell in eine neue Richtung um, nachdem ein Mitglied mit dem Pseudonym “Victor Surge” Bilder eines bizarren Schattenmannes beisteuerte (1|2), die er aufgrund der dürren Statur “Slender Man” nannte. Der Slender Man entspricht der mythischen Figur des schwarzen Mannes, der Kinder verschleppt und im Schutz von Nebel oder Dunkelheit auftaucht, häufig im Zusammenhang mit Unglücksfällen. Die Phantasie der Community war geweckt und schon bald verdrängte der Slender Man die vorherige Diskussion – alle Beiträge drehten sich plötzlich um die Figur. Weiterlesen »

Jan

Die Schweigespirale

Die SchweigespiraleJeder Studierende der Politik- oder Kommunikationswissenschaften beschäftigt sich im Laufe des Studiums mit einiger Sicherheit mindestens einmal mit der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann. Im Zuge der meiner Masterarbeit habe ich mich nach mehreren Semestern erneut mit der mittlerweile in sechster Auflage erschienenen Publikation der Allensbacher Demoskopin auseinandergesetzt. Die meisten mit der Schweigespirale zusammenhängenden Konstrukte und Befunde hatte ich ganz gut im Gedächtnis behalten: Öffentliche Meinung, Isolationsfurcht, Medienrealität, Gatekeeper, Nachrichtenwerte, selektive Wahrnehmung, kognitive Dissonanz, Bilder in unseren Köpfen, Agenda Setting, Political Efficacy, Zweistufenfluss, Artikulationsfunktion. Neu und hilfreich für mich war die vertiefende Beschäftigung mit Polarisierung und “pluralistic ignorance”.

Von großem persönlichen Nutzen fand ich die  geschichtlichen Überblicke zu Öffentlicher Meinung und Isolationsfurcht im Rückgriff auf Machiavelli, John Locke, David Hume, Jean-Jacques Rousseau et al. Das hat Klasse, wie Noelle-Neumann Bezüge zu den literarischen Klassikern der letzten 700 Jahre herstellt und Konzepte der Öffentlichen Meinungen in einen lebendigen geschichtlichen Kontext einordnet. Mich bewegte das dazu, diese großen Werke endlich selbst lesen zu wollen. Weiterlesen »

Jan

Die Bilder in unserem Kopf

Eines der ersten Konzepte, die ich im Rahmen meines Studiums kennenlernte war die Medienrealität, der verfremdete Teilausschnitt der Realität, den uns die Medien präsentieren, und den wir meist für wahr halten. Gerade lese ich wieder “Die Schweigespirale” von Elisabeth Noelle-Neumann. Darin zitiert sie eine besonders schöne Passage aus Walter Lippmanns “Public Opinion”, welche diese Bilder in unserem Kopf beschreibt. Weiterlesen »

Bedienungsanleitung für das Raumschiff ErdeDer Band enthält mehrere Schriften von Richard Buckminster Fuller, einem einflussreichen technologischen und architektonischen Visionär aus den USA. Seine Ideen, Entwürfe und Projekte werden in einem ausführlichen Bildtteil vom deutschen Herausgeber Joachim Krausse dokumentiert und kritisch untersucht. Buckminster Fuller gilt als Urheber der Verschwörungstheorie von den “Großen Piraten”, die über Jahrhunderte alle Handelswege, das Wissen der Menschheit und die meisten Könige und Staatsmänner kontrollierten. Den Zeitraum ihres unsichtbaren Einflusses spannt der Autor von der Entstehung der ersten seefahrenden Nationen bis zum großen Wirtschaftskrach von 1929. Diese Geschichte, die er vor dem Leser ausbreitet, klingt überraschend plausibel, mehr als Spekulation steckt aber nicht dahinter.

Inspirierend fand ich dennoch Buckminster Fullers Bild von der Erde als integral konstruiertes Raumschiff, das in der Unendlichkeit des Alls um die Sonne, sein energiespendendes Mutterschiff, kreist. Dieses Raumschiff muss wie eine Maschine als Ganzes begriffen, bedient und gewartet werden. Obwohl das Buch in der 1970er-Jahren geschrieben wurde, steht mit dieser im Buch genauer explizierten Metapher ein Modell zur Verfügung, das handlungsleitend sein kann für viele Probleme, mit denen wir in der heutigen Zeit auf der Erde konfrontiert sind. Buckminster Fuller wirft er unter anderem Fragen auf wie diejenige, warum wir lieber unsere Erde verbrennen als die Energie der Sonne zu nutzen, und warum wir es vorziehen, Kriege gegen ökonomisch benachteiligte Habenichtse zu finanzieren, als Probleme im Frieden zu lösen unter dem Vorwand, es würde zuviel kosten.

Buckminster Fuller nimmt eine eher technologisch beziehungsweise kybernetisch orientierte Perspektive ein, wenn er seinen Welt-Design-Plan formuliert. Nachdenkenswert finde ich die in den begleitenden Schriften enthaltene Neudefiniton von Reichtum als unsere organisierte Fähigkeit, die Umwelt effektiv zu meistern und Restriktionen für die künftigen Tage unseres Lebens zu vermindern. Reichtum ist demnach keineswegs in Form von Tauschmitteln oder physischen Objekten ganz allgemein manifestiert, sondern in technologischem Wissen, bewussten Handlungsoptionen und Ideen zur Prozessoptimierung.